Mein Minarett gehört mir

Was möchte uns die “Minarett-Initiative” wirklich sagen? Dies rätselt die politisch interessierte Schweiz schon seit der Bekanntgabe der Initiative durch das entsprechende Kommitee. Einen interessanten Aspekt zu dieser ganzen Diskussion habe ich aber bisher nirgends gehört:

Gemäss dem Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun hat jede Kommunikation vier Aspekte:

  • Die Sach-Ebene beinhaltet die reinen Sachaussagen, Daten und Fakten, die in einer Nachricht enthalten sind.
  • In der Selbstoffenbarung vermittelt der Sprecher – bewusst oder unbewusst – etwas über sein Selbstverständnis, seine Motive, Werte, Emotionen etc.
  • Auf der Beziehungs-Ebene wird ausgedrückt bzw. aufgenommen, wie der Sender zum Empfänger steht und was er von ihm hält.
  • Der Appell beinhaltet einen Wunsch oder eine Handlungsaufforderung.

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell)

Schauen wir uns diese vier Botschaften in der Initiative an:

  • Sach-Ebene: “Wir wollen unsere eidgenössische Kultur vor fremden Einflüssen bewahren, unser Land vor einer Islamisierung schützen und wollen Werte aus dieser Ideologie verhindern wie Scharia-Recht, Zwangsverheiratung, Genitalverstümmlung, Ehrenmord etc.”
  • Selbstoffenbarung: Dazu mehr weiter unten
  • Beziehungs-Ebene: “Wir sind die einzigen, die im Interesse der Schweizer Werte handeln. Wir müssen zusammenstehen solange wir noch das Sagen haben. Das könnte sich schon bald ändern.” (siehe dazu auch den Beitrag “Die Schweizerische Opferpartei“).
  • Appell-Ebene: “Die Schweiz muss die Schweiz bleiben. Handeln wir solange wir noch können. Dies ist die letzte Chance dazu diese Machtsymbole zu verhindern.”

Die Selbstoffenbarung der Initianten

Gemäss Wikipedia ist diese Ebene das, was ich von mir selbst Kundgebe:
“In jeder Nachricht stecken auch Informationen über die Person des Senders. Auf der Ebene der Selbstoffenbarung offenbart sich der Sender. Diese Botschaft besteht aus einer bewussten, gewollten Selbstdarstellung, und gleichzeitig aus einer unfreiwilligen dem Sender nicht bewussten Selbstenthüllung … Jede Nachricht wird somit zu einer Information über die Persönlichkeit des Senders. Das Selbstoffenbarungs-Ohr des Empfängers lauscht darauf, welche Informationen über den Sender in der Nachricht enthalten sind.”

Sach-Ebene: “Wir wollen unsere eidgenössische Kultur vor fremden Einflüssen bewahren”
Was sie damit meinen: “Unsere Kultur ist weiterentwickelt als jene des Islams. Rückständige Ansichten dürfen nicht geduldet werden.”
Die Selbstoffenbarung: Wer behauptet, dass unsere Kultur in irgendeiner Richtung weiterentwickelt sei, muss eine solche Haltung gut begründen können ohne unmittelbar in Rassismus abzugleiten.

Sach-Ebene: “Wir wollen unser Land vor einer Islamisierung schützen”
Was sie damit meinen: “Schaut Euch nur die Taliban an und wie die mit andersgläubigen verfahren. Das droht uns auch”
Die Selbstoffenbarung: Sicher sind die Islamisten keine netten Menschen. Die Schweiz dürfte aber eher in den Fokus dieser Radikalen Elemente rücken, wenn das Minarett-Verbot durchkommt als wenn es klar zurückgewiesen würde. Dieses Argument ist also mehr als ein Rohrkrepierer – im Gegenteil: Es ist einer dieser Selbsterfüllenden Prophezeiungen welche die SVP immer wieder mit ihren Scheinlösungen herbeibeschwört.

Sach-Ebene: “Wir wollen Werte aus dieser Ideologie verhindern wie…”
Was sie damit meinen: “Schaut Euch nur die Nachrichten an – da könnt Ihr täglich mitkriegen wie sie sich aufführen dann müsst Ihr bald Angst haben. Und wenn Wir nun Ihre Minarette verhindern, dann haben wir das wichtigste Problem gelöst!”
Die Selbstoffenbarung: Damit ist gar nichts gelöst. Mit einem Minarett-Verbot verhindert man keine einzige dieser Werte in der Schweiz. Einerseits sind diese sowieso schon verboten und werden hart bestraft – andererseits lassen sich diejenigen welche solches befürworten, nicht von ihrer geistigen Haltung abbringen nur weil sie kein Minarett auf dem Dach haben.

Beziehungs-Ebene: “Wir sind die einzigen, die im Interesse der Schweizer Werte handeln”
Was sie damit meinen: “Wenn Du nicht JA stimmst, dann handelst Du nicht im Interesse der Schweiz und unserer Werte”
Die Selbstoffenbarung: Die Schweizer Werte werden nicht von einer einzigen Partei bestimmt. Aussagen wie die obige tragen nichts zu einer sachlichen Diskussion bei sondern sind einmal mehr floskeln aus der SVP-Dauerwerbesendung.

Appell-Ebene: “Die Schweiz muss die Schweiz bleiben”
Was sie damit meinen: “Minarette gehören nicht zu den Urschweizer Bauten. Durch Minarette wird die Schweiz ihrem Charakter beraubt und ist bald nicht mehr das was es einmal war.”
Die Selbstoffenbarung: Es kann ja nicht sein, dass wir alle in Chalets wohnen und nur Fondue und Toblerone essen? Der Wandel der Zeit führt auch dazu dass bis dahin fremde Einflüsse eingeführt werden: Das Christentum zum Beispiel. Oder gewisse Viehrassen, die Kartoffeln, Mais etc.

Appell-Ebene: “Handeln wir solange wir noch können.”
Was sie damit meinen: “Da die islamische Bevölkerung stärker zunimmt als die Schweizer Bevölkerung, werden wir bald in der Minderheit sein und dann nichts mehr machen können. Wir werden dann so unterdrückt, wie man es täglich in den Nachrichten sehen und hören kann.”
Die Selbstoffenbarung: Wenn man den Anteil der muslimischen Bevölkerung nicht wachsen lassen will, dann gibt es zwei gute Möglichkeiten dies zu verhindern: Den Schweizern nahebringen, dass viele Kinder zu haben nicht ein Risiko ist sondern dass das die Schweiz stärkt (zumindest den Bevölkerungsanteil) und dass es anschliessend möglich ist, diese Kinder im Einklang mit dem Beruf grosszuziehen.
Alleine durch Repression etwas wegzubringen was einem nicht passt, schafft man weder bei den Drogen, bei den Scheidungsraten, der Religion und schon gar nicht bei der Lebensweise.

Appell-Ebene: “Dies ist die letzte Chance dazu …”
Was sie damit meinen: “Wenn hier nicht JA gestimmt wird, wird die ganze Schweiz mit Minaretten überzogen und es gibt dann keine Chance mehr etwas dagegen zu machen. Nach einem NEIN versinkt die Schweiz in Minaretten und in der Folge mit Selbstmordanschlägen bis die Scharia eingeführt ist.
Die Selbstoffenbarung: Die Initianten misstrauen dem Schweizer Volk vor Ort derart, dass eine landesweite Regelung eingeführt werden muss welche die einzelnen Gemeinden bevormundet. Das ist nichts anderes als die Forderung nach einer Kriegsermächtigung.

Appell-Ebene: “… diese Machtsymbole zu verhindern.”
Was sie damit meinen: “Da für uns der Kirchturm klar ein Machtsymbol ist, ist das Minarett auch ist ein Machtsymbol.”
Die Selbstoffenbarung: Wer nur noch in solchen Mustern denkt, dem darf man nicht nur das Minarett verbieten sondern dem muss man auch den Kirchturm verbieten, die Villa, den Swimmingpool, die Swissair, den Offroader, den Managerlohn und den ausgestreckten Zeigefinger.

In diesem Sinne – Mein Minarett gehört mir!

Der Politblogger

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